Arnd zeigler über Florian Kohlfeldt

Vorwarnung: Dies wird ein längerer Text. Es geht um ein Thema, das mir gerade sehr wichtig ist und das ich augenscheinlich anders beurteile als weite Teile der Medien es gerade tun. Es geht um Florian Kohfeldt und um seinen Job bei Werder Bremen.

Wichtige Vorbemerkung: Niemand muss meine Ansichten dazu teilen. Ich möchte sie aber öffentlich äußern, weil mir aktuell zuviel Halbgares und Oberflächliches zu diesem Thema geschrieben wird, das ich nicht ohne Widerworte stehenlassen möchte. Nicht in allen, aber in vielen Fällen bin ich auch etwas erstaunt, wie simpel manche Sportjournalisten zu funktionieren scheinen, ohne es selbst zu merken.

Bevor ich ins Detail gehe, möchte ich außerdem vorwegschieben, dass Werder Bremen ohne Wenn und Aber eine sehr schlechte Saison spielt. Und aktuell sehr oft auch richtig schlechten Fußball. Und dass eine solche Saison nicht alleine durch Pech erklärbar ist, sondern durch Fehler und Fehleinschätzungen auf sehr vielen Ebenen. Das alles steht außer Frage.

Was im Falle einer solchen Misere immer irgendwann in Gang kommt, ist eine Trainerdiskussion. Das ist so gelernt, das muss so sein, und das ist auch diesmal so. Werder Bremen steht auf Platz 17 und hat von den letzten neun Bundesligaspielen acht verloren.

Da muss man doch den Trainer in Frage stellen!

Ab jetzt wird es kontrovers. Ich finde nämlich: Genau das muss man eben nicht. Wer alleine Tabellenplatz und Ergebnisse als Basis dafür nimmt, die Arbeit eines Trainers fundamental und markig in Frage zu stellen, der betreibt Kaffeesatzleserei. Um einen Trainer in Frage zu stellen, bedarf es mehr. Man muss eine konkrete Idee davon haben, was ein anderer Trainer besser machen würde.

Wirklich ärgerlich finde ich das Gerede von einem „neuen Impuls“, der „bestimmt gut tun würde“. Eine zentrale Personalie danach zu entscheiden, ob ein neuer Trainer vielleicht besser funktionieren könnte, und dies alleine in der vagen Hoffnung auf einen „neuen Impuls“ zu tun, ist im Grunde wie Würfeln. Natürlich, es stimmt: Vielleicht läuft unter einem neuen Trainer vieles besser.

Was jedoch leider auch stimmt: Vielleicht aber auch nicht. Wer solch ein Vorgehen für einen verantwortungsbewussten Umgang mit einem Trainer, einem Verein, einer Mannschaft und deren Fans hält, hat eine exotische Auffassung von Gewissenhaftigkeit.

Ein Kollege vom „Sportblitz“ hat kürzlich in einem Kommentar behauptet, eine Trainerentlassung sein ein Zeichen dafür, dass ein Verein „alles versucht“. In meinen Augen ist genau das Gegenteil richtig. Eine Trainerentlassung um der Trainerentlassung Willen ist ein Zeichen dafür, dass man nicht alles versucht hat, um eine Krise gemeinsam zu bewältigen. Sie ist in den meisten Fällen eine Alibihandlung, ein Glücksspiel, eine Art Russisches Roulette.

Eine funktionierende Beziehung zwischen einem Verein und einem Trainer ist etwas sehr Kostbares. Die Bundesligen sind voll von Vereinen, die einen Trainer beschäftigen, mit dem sie nur so semi-zufrieden sind. Trainerentlassungen, die zu einem Glücksfall für den Verein wurden, sind viel seltener als man von vielen Medien häufig vorgegaukelt bekommt.

Aktuell haben die Bayern mit der Kovac-Entlassung wohl sehr viel richtig gemacht. Hertha hat Covic entlassen und bei der Suche nach dem Nachfolger mehr oder weniger ins Klo gegriffen. Ob der 1. FC Köln mit Gisdol das große Los gezogen hat, kann man noch nicht zuverlässig sagen. Bei Fortuna Düsseldorf melde ich vorsichtig Zweifel an, dass Uwe Rösler alles besser hinbekommt als es Friedhelm Funkel hinbekommen hätte. Der Trainerwechsel in Mainz kann funktionieren, muss aber nicht.

Während der letzten Saison gab es sieben Trainerentlassungen. Wirklich erfolgreich war davon: Eine. In Worten: Eine. Die Verpflichtungen von Weinzierl (Stuttgart), Doll (96) und Schommers (Nürnberg) waren Flops, die von Stevens (Schalke), Schmidt (FCA) und Willig (VfB Stuttgart) haben nahezu nichts bewirkt. Die meisten haben mutmaßlich viel Geld gekostet und nicht zur Stabilisierung des Vereines geführt.

Die Quote in der Saison davor sieht übrigens ähnlich aus: Bayern hatte mit Heynckes für Ancelotti Glück, der BVB mit Stöger für Bosz auch. Das dritte positive Beispiel war der Wechsel auf Werders Trainerbank: Kohfeldt für Nouri. Ein kompletter Schuss in den Ofen waren dagegen die Entlassungen von Jonker in Wolfsburg, von Stöger in Köln, von Gisdol in Hamburg, dessen Nachfolger Hollerbach dann konsequenterweise auch noch ohne Erfolg gefeuert wurde. Wolfsburg entließ Martin Schmidt auf Platz 14, um dann mit Bruno Labbadia auf Platz 16 zu enden. Der VfB Stuttgart hat den mutmaßlich sehr talentierten Hannes Wolf geopfert, mit Tayfun Korkut ein paar schöne Monate erlebt und den dann auch gleich wieder in die Wüste geschickt. Heynckes und Stöger waren ebenfalls nur Zwischenlösungen.

Wenn wir jetzt mal überlegen, ob Werder besseren Fußball spielen würde, wenn Tayfun Korkut oder Bruno Labbadia auf der Bank sitzen würden, ist das bestenfalls Kaffeesatzleserei. Vielleicht ja, vielleicht nein.

Was man bei solchen Gedankenspielereien aber immer gerne vergisst ist die Tatsache, dass Nachhaltigkeit bei der Gestaltung einer Mannschaft ein hohes Gut ist. Die Vereine, die man seit vielen Jahren mit Chaos und Krisen verbindet, hatten allesamt überdurchschnittlich viele Trainer, ohne dass die Wechselei ihnen irgendetwas gebracht hätte.

Ich stelle jetzt mal eine unpopuläre These auf, die ich aber für bedeutend halte: In den meisten Fällen ist es ein grober Fehler, einen intern allgemein akzeptierten Trainer zu opfern, um diesen schon erwähnten „frischen Impuls“ zu erzwingen. Und meistens werden durch solche Aktionen Vereinsstrukturen zerschlagen, die man nie wieder repariert bekommt.

Andersherum ist es sogar so, dass man durch einen Trainerwechsel nicht selten den eigenen Verein zu einem Dasein als Chaosklub verurteilt. Was wäre passiert, wenn der HSV vor dreieinhalb Jahren einfach Bruno Labbadia behalten hätte? Sie hätten sich mit Gisdol, Hollerbach, Titz und Wolf vier Trainer in weniger als drei Jahren erspart. Öfter abgestiegen wären sie auch nicht, vielleicht aber schon wieder in der Bundesliga. Damit einher gingen hohe Abfindungen und ein durcheinandergewürfelter Kader, weil jeder seine eigenen Vorstellungen in die Personalplanungen eingebracht hat. Würde es dem HSV heute schlechter gehen, wenn sie Labbadia behalten hätten? Ich glaube nicht.

Der 1. FC Köln hatte in Peter Stöger einen großartigen Trainer, der perfekt zum Verein und zur Stadt gepasst hat. Sie haben ihn geopfert, um es danach in kürzester Zeit mit Ruthenbeck, Anfang, Beierlorzer und jetzt Gisdol zu probieren. Wäre es schlimm, wenn Stöger heute noch da wäre? Vermutlich nicht. Abgestiegen sind sie auch mit dessen Nachfolger.

Es gibt zahllose Beispiel von Vereinen, die sich durch zu viele Trainerwechsel um Kopf und Kragen gefeuert haben. Daniel Stendel war bei Hannover 96 beliebt, geachtet, machte offenbar einen guten Job. Entlassen wurde er vor genau drei Jahren nach einem Sieg und mitten im Aufstiegsrennen. Seitdem durften sich bei 96 in dieser Reihenfolge Breitenreiter, Doll, Slomka und jetzt Kocak ausprobieren. Würde der Verein mit Daniel Stendel aktuell schlechter dastehen als sie es jetzt tun, auf Platz 12 in der 2. Liga? Eher nicht.

Natürlich ist das alles auch höchst spekulativ. Das ist ja gerade das Schlimme. Meinem Verständnis nach ist es grober Unfug, etwas zu ändern, um irgendetwas zu ändern. Nur, weil ein Trainerwechsel vielleicht und mit viel Glück von alleine etwas bewirkt, kann man einen Trainer nicht entlassen. Beziehungsweise – man kann schon, das ist aber nur selten wirklich schlau. Siehe oben.

Ein Sonderfall ist übrigens der BVB. Ich weiß nicht, ob es dort vor fünf Jahren die Chance gegeben hätte, Jürgen Klopp nach außen so sehr den Rücken zu stärken, dass man mit ihm gemeinsam hätte entschließen können, auch eine schlechte Saison gemeinsam durchzustehen. Ich weiß aber, dass sie in Dortmund seit fünf Jahren traurig sind, dass Jürgen Klopp nicht mehr da ist. Und dass sie bei jedem seiner Nachfolger schnell das komische Gefühl hatten, dass Tuchel/Bosz/Stöger/Favre irgendwie nicht nach Dortmund und zum BVB passen. Das Ende der Ära Klopp war ein sehr hoher Preis, den der BVB gezahlt hat. Im Spätsommer hatte eine Vielzahl von BVB-Fans einen Wunschnachfolger für den nicht besonders geliebten Lucien Favre: Florian Kohfeldt. Der könnte passen.

Er passt aber auch zu Werder und zu Bremen. Kohfeldt ist seit dreißig Jahren Fan von Werder Bremen und brennt für diesen Verein wie wahrscheinlich noch kein Trainer vor ihm. Jeder Spieler des Kaders schwört auf ihn und lässt nichts auf ihn kommen. Und wenn manche Medien und Fans konsterniert sind ob der Tatsache, dass Werder an ihm festhält, sollte man sich vielleicht auch mal weiterführende Gedanken machen. Die Frage ist nämlich nur vordergründig: „Wie doof müssen die sein, dass sie Kohfeldt selbst jetzt nicht entlassen?“ Die Frage könnte genauso gut und vielleicht sehr viel naheliegender lauten: „Wie gut muss der eigentlich sein, dass sie auch jetzt unbedingt an ihm festhalten wollen?“

An dieser Stelle geht bei manchem Leser eventuell das Gemurre über die vielzitierte „Werder-Familie“ los, wo man sich nicht wehtun will, wo alle sich liebhaben und deshalb trotz Niederlagenserie weitergewurschtelt werden darf. Einfach nur, weil Baumann, Bode und Kohfeldt so gute Kumpels sind. Zugegeben, der Gedanke könnte einem oberflächlich kommen. Bei etwas genauerem Nachdenken sollte sich aber jeder gewiss sein, dass bei Werder niemand seinen Job bekommen hat oder ihn behalten darf, weil er so ein netter Kerl ist.

Die Kritik an Florian Kohfeldt lässt mich manches Mal heftig die Stirn runzeln. Da kritisieren manche Fans, dass Josh Sargent aufgestellt wird, der doch erkennbar nicht bundesligatauglich sei. Dieselben Namen haben wenige Wochen vorher kritisiert, dass man für viel Geld den überbewerteten Davie Selke holt, wo man doch Sargent habe, der gefälligst endlich mal eine Chance bekommen soll. Manche kritisieren den völlig untauglichen Kader, um am selben Tag und nur wenige Minuten später Kohfeldt zu kritisieren, weil man „mit diesem Kader doch wohl viel besser dastehen müsste“. Heute in meinem Stamm-Imbiss habe ich in etwa sieben Minuten eine Überdosis Bullshit-Bingo miterleben dürfen: „Der erreicht die Mannschaft nicht mehr!“ / „Für das viele Geld müssen die doch wenigstens KÄMPFEN!“ / „Ein Abstieg wird teurer als eine Trainerentlassung!“ / „Baumann sollen sie gleich mit entlassen!“

Dazu kurz – erstens: Eine Mannschaft, die von ihrem Trainer nicht mehr erreicht wird, hätte nicht vor 13 Tagen gegen Borussia Dortmund gewonnen. Zweitens: In der Regel kämpfen sie momentan sehr wohl, spielen aber trotzdem schlecht. Und zwar erkennbar, weil sie im Kopf nicht frei sind und ängstlich spielen. Das ist in einer Situation wie dieser menschlich, und es liegt kaum im Bereich des Trainers, das mal eben zu ändern. Drittens: Noch teurer als ein Abstieg mit Kohfeldt wäre ein Abstieg nach einer Trainerentlassung. Und viertens: Frank Baumann hat u.A. für relativ kleines Geld Milot Rashica, Davie Selke, Leo Bittencourt, Kevin Vogt und Jiri Pavlenka geholt und einen Kader zusammengebaut, der etwa so viel kosten durfte wie zwei Spieler von Bayern München. Dass da nicht immer alles klappt, liegt eigentlich in der Natur der Sache.

Und zur sportlichen Lage vielleicht noch so viel: Werder hatte in dieser Saison 18 verletzte Spieler alleine in der Hinrunde, und in der Rückrunde tendenziell kaum weniger. Für diese Bilanz kann Florian Kohfeldt mutmaßlich sehr wenig. Es ist aber eine Misere, die absolut jeden Verein arg getroffen hätte. Ich behaupte mal, mit einer solchen Anzahl verletzter Spieler, von denen nicht wenige auch Schlüsselspieler waren, würde jeder Verein der Liga deutlich weiter unten in der Tabelle stehen als er es aktuell tut.

Kleines Beispiel, wie sich Verletzungen auswirken können: Der Ausfall von Theo Gebre Selassie ist sicherlich nicht der alleinige Grund für die Talfahrt der letzten Wochen. Aber bevor er ausfiel, hatte Werder 14 Punkte und eine Tordifferenz von – 6. Acht Spiele später hat Werder ganze drei Punkte mehr und jetzt eine Tordifferenz von -26. Noch einmal: Das ist keine erschöpfende Begründung für die letzten Ergebnisse, aber es ist ein Faktor von ganz vielen Faktoren.

Jeder Fan hat das gute Recht, enttäuscht zu sein. Etwas Probleme habe ich aber sehr oft mit der immer stärkeren Tendenz, dass man als Fan in sozialen Netzwerken wütend ist, Schuldige sucht und Köpfe rollen sehen will. Ist auch legitim, mag ich aber nicht. Ich bin gerade viel öfter traurig als wütend. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr hier gerne eure Meinung sagt, aber sehr gerne ohne Häme oder Hetze gegen wen oder was auch immer. Ich kann jeglichen Frust verstehen. Ich finde aber, dass es grundsätzlich besser tut, positiv zu denken und trotz aller Nackenschläge an einen Verein und seine handelnden Personen zu glauben, anstatt vor Spielen oder bei Nachrichten über Verletzungen eigener Spieler unter jede Meldung ein hämisches „HAHA!“ zu setzen oder einen Kommentar der Kategorie „Die Trottel kriegen doch sowieso wieder eine Packung!“

Für mich ist ein Verein nicht alleine ein Tabellenplatz oder eine Summe von Ergebnissen. Ich mag meinen Verein, weil er eine Haltung hat. Weil er seit vielen Jahren für etwas steht, und weil er eine eigene DNA besitzt. Und ich bin der festen Meinung, dass eine tiefe Überzeugung und die Wertschätzung für einen Trainer erheblich mehr Wert sein muss als ein aktueller Tabellenstand. Kein Verein kann ungestraft auf gut Glück irgendwelche Dinge ausprobieren, die man dann folgenlos revidieren kann. Wenn man etwas zerschlägt, ist es danach meistens kaputt.

Ich will nicht wieder jahrelang vergeblich auf einen Trainer warten, der zu Werder und zu Bremen passt. Dieser Trainer ist schon hier.

Quelle: Arnd Zeigler

#teamkohfeldt

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